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Makroökonomie für Idealisten
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EZB in FrankfurtHier ein Auszug aus einem Brief an einen alten, lieben Freund, der hochgebildet ist, aber für ökonomische Zusammenhänge nicht viel übrig hat. Für ihn, wie für Viele, sind diese Fragen lästig und auch trivial. 

Lieber Waldemar
[Name von der Redaktion geändert],

für Deine ausführliche Antwort auf meinen Versuch, die aus naturwissenschaftlicher Sicht anzunehmende Nicht-Möglichkeit makroökonomischer „Gesetze“ darzulegen, danke ich Dir herzlich. Wie ich ja geschrieben habe, war dieses Papier dazu gedacht, eine Gegenposition zu  mechanistischen Modellen über eine zukünftige Geld- und Finanzordnung zu formulieren. Ich dachte, dass diese grundsätzlichen Überlegungen vielleicht auch für Dich von Interesse sein könnten, zumal ich Dich ja in unregelmäßigen Abständen mit Informationen zum Thema „Geld“ versorge.

Deiner Reaktion auf meine Ausarbeitung entnehme ich jedoch auch unterschwellig, dass Du im Grunde froh wärest, wenn ich Dich mit dieser Thematik verschonen würde. Dies werde ich gerne auch in Zukunft tun, es sei denn, Du würdest mich explizit darum bitten, Dich weiterhin mit derartige Informationen zu beliefern. Eine negative Antwort wäre für mich übrigens überhaupt kein Problem. Also sei bitte ehrlich!

Dennoch möchte ich mich im Folgenden nochmals – und dies dann zum wirklich letzten Mal – zu Deinem Einwand äußern, dass Du es als äußerst schwierig empfindest, diese geldtheoretischen Zusammenhänge nachzuvollziehen. Deine Reaktion, sich diese Überlegungen zu ersparen, kann ich sehr gut nachempfinden. Dennoch bin ich der Ansicht, dass jeder, dem das Wohl unserer Gesellschaft am Herzen liegt, sich dieser Mühe unterziehen sollte, ja sogar eigentlich müsste. Das Geld- und Finanzsystem ist DER Dreh- und Angelpunkt nicht nur unserer Finanz- und Wirtschafts-, sondern auch unserer Gesellschaftsordnung. Wem die sog. „sozio-kulturelle Nachhaltigkeit“ wirklich wichtig ist, kommt um diesen Problemkreis heute einfach nicht mehr herum.

Verzeihe mir, wenn ich meine Überlegungen im Folgenden etwas ausführlicher darzustellen versuche. Es ist mir einfach wichtig, dass mein Tun, das ja meist als „Hobby“ missverstanden wird, von Dir richtig gesehen wird: als ein Handeln aus Verantwortung für Nach- und Mitwelt – so sehe ich es wenigstens.

Du weißt ja, dass ich mich ziemlich intensiv auch mit neurobiologischen Fragen beschäftige und mich daher auch in der hiesigen neurobiologischen Gesellschaft tummele. Dies übrigens schon seit Jahren und mit erheblichem Erkenntnisgewinn. Ich bin davon überzeugt, dass wir von der Evolution unseres Gehirns her große Probleme haben, uns mit komplexen Zusammenhängen ausreichend gut auseinanderzusetzen, so dass wir diese im erforderlichen Umfang nicht nur theoretisch nicht ausreichend erkennen, sondern auch nicht angemessen darauf reagieren können. So belegen z.B. zahlreiche Studien, dass wir die Wirkung von Rückkopplungsprozessen nur unzureichend wahrnehmen können und hier vor allem auch die Komplexität von Zusammenhängen generell stark unterschätzen. 

Während wir normalerweise auf akute Bedrohungen wirksam und rasch reagieren können, scheinen wir mit der Erfassung komplexer und hier vor allem auch von sich langsam entwickelnden, langwierigen Prozesse überfordert zu sein. Wir blenden diese daher gerne – häufig unbewusst – als „unwichtig“ aus. Dies gilt z.B. für den Klimawandel, der ja bereits vor vielen Jahrzehnten thematisiert wurde, die Endlichkeit von Rohstoffen (Club of Rome, 1972), aber auch für das heutige Geld- und Finanzsystem, dessen negativ zu beurteilende Problematik ja jedem Denkenden spätestens seit 2008 offensichtlich sein muss. 

Bezeichnend für dieses unzureichende Denkvermögen ist dann des Weiteren, dass man selbst dann, wenn man diese Problematik in etwa erkannt hat, immer nur nach technischen Lösungen innerhalb des bestehenden Systems sucht. Die alten Denk-Bahnen werden nicht verlassen; eine offene Betrachtung, die eine Voraussetzung für eine wirkliche, grundsätzliche Erneuerung sein muss, findet man nur ganz selten.

Hinzu kommt, dass wir auf diesem „Geld“-Gebiet seit Jahrzehnten eine richtiggehende Gehirnwäsche erleben. Dass es immer wieder andere Geld- und Finanzsysteme gegeben hat und auch – hoffentlich! – in Zukunft wieder geben wird, ist dem kollektiven Gedächtnis praktisch völlig entschwunden.  An sich ist das jetzige Geldsystem jedoch in seinen Grundzügen leicht zu verstehen. Man muss nur immer wieder die Jahrhunderte alte Frage stellen: „cui bono“ [Anm. d. Red.: zu deutsch: Wer profitiert]? Allerdings wird diese relativ leicht einsehbare Problematik seit Jahrzehnten bewusst verkompliziert, um Menschen von der kritischen Beschäftigung damit abzuschrecken, und um damit auch zugleich die Tatsache, dass es sich bestens als Herrschafts- und zugleich Bereicherungsinstrument benutzen lässt, hervorragend zu verschleiern.

Ich muss Dich nun leider doch noch mit ein paar Informationen zur letzten Periode dieser Entwicklungen konfrontieren. Wirklich geöffnet wurde diese Büchse der Pandora ja erst durch Frau Thatcher und ihre Regierung zu Beginn der 1980er Jahre mit ihrer vielfältigen Deregulierung und dann mit tatkräftiger Unterstützung ihres in dieser Hinsicht getreuen Gefolgsmanns Reagan. Wirklich kritisch wurde die Situation aber erst, als 1999 Clinton den Glass-Steagal Act von 1933 aufhob, der die Lehren aus der Weltwirtschaftskrise (1929 ff.) gezogen hatte (Trennung von normalem Bank- und spekulativem Wertpapiergeschäft). Jetzt erst entstanden die Bankgiganten („too big to fail“), die so ziemlich alles bis heute verändert haben. Um diese aus Sicht der Herrschenden und Besitzenden positiven Entwicklungen weiter zu fördern, wurden in den 1990er Jahren bis 2009 allein in Deutschland über 100 Rechtsakte zur Deregulierung der Finanzmärkte – meist nach Vorgaben der EU, aber auch unter tatkräftiger Mitwirkung der rot-grünen Regierung - beschlossen. In diesem Zusammenhang wäre auch die Börsenumsatzsteuer zu erwähnen, um deren Wiedereinführung ja seit langem in Form der „Tobin“-Steuer vergeblich gerungen wird. 

Dass die Situation heute jedes vernünftige Maß überschritten hat, sollen ein paar Zahlen verdeutlichen. So stieg das BIP von 1990 (100 %) 22 Bio US $ auf 63 Bio US $ in 2010 (auf 286 %). Im gleichen Zeitraum stiegen die synthetischen Finanzmarktprodukte von 2 Bio US $ (100 %) auf 666 Bio US $ (auf 3330 %!). Lag das Verhältnis 1990 zwischen diesen Größen noch bei 11 zu 1, so kehrte es sich bis 2010 gerade um (1 : 11!). Diese Finanzprodukte sind außerdem zum allergrößten Teil nicht durch realwirtschaftliche Vorgänge gedeckt. Da ich der Ansicht bin, dass diese Entwicklungen nicht „naturwüchsig“, sondern bewusst in Szene gesetzt sind (wiederum „cui bono“?), muss man sie, wenn auch mühsam und langfristig, korrigieren können. Dies ist der Grund für mein Engagement in dieser Sache seit so vielen Jahren. Ich bin der Überzeugung, dass uns ein „Weiter so!“ schlussendlich in den Abgrund (Krieg?) treiben wird.

Da die vielbeschworene Selbstregulierung durch die „unsichtbare Hand“ der Märkte nicht funktioniert und auch in Zukunft nicht funktionieren wird, müssen grundsätzlich andere Wege beschritten werden. Dabei sollte allerdings eine marktwirtschaftliche Ordnung – mit einem starken sozialen und ökologischen Datenkranz versehen – nicht aufgegeben werden. Ich sehe vor allem zwei Wege, die es zu gehen gilt, wenn man eine andere, bessere Zukunft für unsere Kinder und Enkel, aber auch für die Mitwelt anstreben möchte: das „Vollgeld“ und die „Regionalen Komplementärwährungen“. Es gibt zwar viele andere Modelle und Vorstellungen, doch diese können nicht die gesellschaftlich notwendige Anerkennung und damit die erforderliche politische Stoßkraft in einem überschaubaren Zeitraum erreichen, die für eine positive Bremsung der gegenwärtigen Entwicklung und für eine Kehrtwende unbedingt erforderlich ist. Ich werde daher die beiden Systeme im Folgenden ganz kurz skizzieren.

Das „Vollgeld“ setzt von oben auf bundesstaatlicher Ebene an. Es würde die „Geld“-Schöpfung der privaten Geschäftsbanken (heute ca. 90 % der Geldschöpfung in Deutschland) wieder dem Staat und der dafür umgestalteten Zentralbank übertragen. Vom Verständnis her wäre dieses System am leichtesten zu etablieren, da ohnehin die Mehrheit unserer Bürger der Ansicht ist, dass die Geschäftsbanken kein eigenes Geld („aus dem Nichts“) erschaffen, sondern nur Geld der Zentralbank oder Spargelder als Kredite weitergeben. Dies stimmt ja erwiesenermaßen nicht, wird aber dennoch weiter fest so angenommen. Übrigens ist eine Art Vollgeld-System noch über längere Zeit nach 1945 in abgewandelter Form praktiziert worden. Von daher könnte man an frühere Geschehnisse und Erfahrungen anknüpfen. Auf diesem Gebiet sind zudem auch die Kräfte, die dieses Ziel verfolgen, vergleichsweise stark ausgebildet und bereits organisatorisch gut strukturiert (siehe auch den Schweizer Volksentscheid). Eine leicht lesbare Einführung in diese Gesamtproblematik und eine gute Übersicht über dieses Thema vermittelt das folgende Buch: Mayer, Thomas und Huber, Roman: Vollgeld – Das Geldsystem der Zukunft. Unser Weg aus der Finanzkrise. Tectum Verlag Marburg, 2014 (ISBN 978-3-8288-3350-0). 

Allerdings birgt auch dieses System ein großes Risiko, wenn es nicht gelingen sollte, eine völlige Trennung zur Politik und zugleich eine wirklich demokratisch legitimierte Zusammensetzung des Entscheidungsgremiums (Zentralbankrat) zu erreichen. Die Gefahr, dass diese Struktur nicht konsequent geschaffen und vor allem nicht (basis)demokratisch durchgehalten werden kann, ist unter unseren Verhältnissen nicht unbeträchtlich. In diesem Falle würde dann aber der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben.

Die zweite Generallösung, auf die ich vor allem setze, ist neben der Regionalisierung eine grundsätzliche Zweiteilung des Geldes. Vielleicht benötigt man jedoch auch – zumindest theoretisch (z.B. was die Altersvorsorge anbelangt) noch eine dritte Geldart. Ich befasse mich jetzt in diesem Brief lediglich mit dem Geld, das für die Zwecke der regionalen Realwirtschaft, die auf die wesentlichen Bedürfnisse der dort lebenden Menschen ausgerichtet ist, benötigt wird. Momentan ist dies noch ein sehr, sehr weiter und steiniger Weg, von dem wahrscheinlich in Deutschland noch keine zwei Prozent zurückgelegt worden sind. Dieser Umstand ist jedoch kein grundsätzliches Gegenargument gegen ein derartiges System. Der Blick auf andere Länder und die geschichtliche Erfahrung der dreißiger Jahre in Deutschland lehren, dass sich diese Systeme in Notzeiten sehr rasch entwickeln lassen und durchaus funktionsfähig sind. Momentan sind allerdings die Widerstände aus Wirtschaft und (Kommunal-)Politik, die Uneinsichtigkeit oder vielleicht nur Trägheit der Bürger und vor allem der weithin fehlende „Leidensdruck“ außerordentlich hoch. Unmöglich erscheint mir allerdings eine Realisierung dann, wenn sich die Verhältnisse entsprechend geändert haben, durchaus nicht. Wichtig ist hier in Zukunft vor allem eine Zusammenarbeit mit der (Kommunal-)Politik, den Sparkassen- und Genossenschaftsbanken, eine möglichst weitgehende Vernetzung, die wechselseitige Anerkennung der einzelnen regionalen Netzwerke und dann vor allem auch ihre Professionalisierung. Mir erscheint im Hinblick auf die wachsenden gesellschaftlichen Fliehkräfte besonders wichtig, dass hier der Gemeinschaftsgedanke im Mittelpunkt des Geschehens steht. Aber auch der ethische, soziale und vor allem ökologische Aspekt dieser „Währungen“ ist mir wichtig. Beides fehlt naturgemäß beim Vollgeld.

Am Weitesten auf diesem Weg ist bisher die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) nach Prof. Felber vorangeschritten, die auch in zahlreichen Regionalgeldern in Deutschland schon praktiziert oder doch angestrebt wird.  Bereits heute existieren über 80 regionale, teilweise länderübergreifende Netzwerke, eine Bank für Gemeinwohl (in A) mit über 3000 Genossen und 2,3 Mio € Gründungskapital. Sehr viele Unternehmen und sogar Kommunen – vor allem in Katalonien – wurden bereits nach der GWÖ zertifiziert. An vier Hochschulen wird diese GWÖ bereits heute schon in der Lehre vertreten. Es existiert sogar ein eigener, von der EU geförderter Lehrstuhl in Valencia. Auch soll die UNESCO beabsichtigen, einen weiteren Lehrstuhl zu finanzieren. 2015 hat der Wirtschaftsausschuss der EU festgestellt, dass die GWÖ „als Modell geeignet ist, in den Rechtsrahmen der EU integriert zu werden“. In Tirol erhalten GWÖ-zertifizierte Unternehmen Steuervorteile und im Koalitionsvertrag von Baden-Württemberg (Mai 2016) ist festgehalten, dass „die GWÖ als neue Form des Wirtschaftens begrüßt“ wird. Also viele, hoffnungsvolle Ansätze, aber trotzdem noch ein sehr weiter Weg.

Da es wichtig ist, sich auf diesem Feld nicht zu zersplittern, sondern alle Kräfte in Vielfalt möglichst zu bündeln, engagiere ich mich vor allem für die Regiogelder, die sich bereits in diese Richtung hin orientieren. Dies ist nämlich schon eine ganze Menge. Es müsste vor allem gelingen, die besonders erfolgreichen Systeme so zusammenzuführen, dass sie sich ergänzen, kompatibel sind und stimulieren. Ich denke hier nur an einige Beispiele wie die WIR Bank in der Schweiz, die vernetzten Systeme um den Chiemgauer in Oberbayern und die TALENTE in Vorarlberg. 

Allerdings muss man bei diesen Vorhaben stets außerordentlich vorsichtig und realitätsbewusst vorgehen. Es ist auch hier nicht alles Gold, was glänzt. Ich möchte dies am Beispiel der GWÖ verdeutlichen. So habe ich in diesem Zusammenhang gehört, dass im Rahmen dieses GWÖ-Systems ziemlich undemokratisch, ja „sektenmäßig“ vorgegangen werden würde. Dem stehen allerdings auch wieder andere Aussagen – vor allem aus dem nicht-österreichischen Raum – gegenüber, die das Ganze unter Praxisaspekten ausgesprochen lobend erwähnen. Es ist wie überall: (basis)demokratische Kontrolle ist unbedingt erforderlich, sonst führt die Entwicklung doch wieder, wenn auch auf Umwegen, zu unerfreulichen Ergebnissen. Und es kommt auf die Menschen an, die in derartigen Systemen agieren.

Damit, lieber Waldemar, will ich es jetzt aber bewenden lassen, obwohl man eigentlich noch eine Menge sagen müsste, um ausreichend präzise zu sein. Aber ich glaube, dass es für den Zweck, den ich mit diesem Brief verfolge und den ich Dir oben genannt habe, ausreicht. Wobei ich abschließend sehr deutlich machen möchte, dass sich die oben genannten Gedanken vor allem unter den Bedingungen in Deutschland sehr wohl auch als Utopie, als nicht realisierbar oder gar auch als illusionäre erweisen könnten. Aber deshalb gar nicht den Versuch zu wagen, zu einer besseren Geldordnung zu kommen,  ist – zumindest für mich – keine Alternative. Wie bereits gesagt: wir sind ganz am Anfang eines sehr schwierigen Weges, von dem wir nicht mit Sicherheit annehmen können, ob er wirklich zielführend ist. 

Ich danke Dir für Die Geduld, die Du mir immer wieder beim Lesen und auch Reagieren auf meine Papiere bewiesen hast. 

Liebe Grüße 
Dein Leopold

[Name von der Redaktion geändert]

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